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Hergiswil im Laufe der Jahrhunderte
Wieviel ist ein Jahr im Leben eines Dorfes? Wieviel von seiner Lebenszeit hat das seit 1378, nach dem Loskauf von Habsburg-Österreich, selbständige Hergiswil schon aufgebraucht? Ist Hergiswil noch ein Kind? Kaum. Denn dann wären New York und Chicago Wickelkinder. Oder ist Hergiswil schon ein Dorf in Pension? Wohl auch nicht. Dann müssten Peking, Athen und Rom in Agonie liegen. In letzter Zeit ist sehr viel von der sogenannten Midlife-Crisis die Rede. Das ist ein Begriff, der könnte auch auf Hergiswil zutreffen. Blicken wir zurück Rund 100 Jahre vor Christi Geburt wanderten die keltischen Helvetier, nach denen sich die Schweiz heute noch nennt, zwischen Jura und Alpen in unser Land ein. Sie wurden 58 v. Chr. von den Römern unterworfen, 445 eroberten die Burgunder das Wallis und das Gebiet bis zur Aare; das übrige Land, somit auch das Voralpengebiet, wurde ab Mitte des 5. Jahrhunderts von Alemannen besiedelt. Parallel mit der im gleichen Jahrhundert erfolgten Verdrängung der Alemannen durch Frankenkönig Chlodwig, der sich zur römischen Kirche bekannte, verlief die Christianisierung Helvetiens. Doch im 10. Jahrhundert entstand das alemannische Reich von neuem, wobei die geschichtliche Entwicklung zu einer Dreigliederung des Stammes in Schwaben, Deutschschweizer und Elsässer führte. Was die Erstbesiedlung des Raumes Hergiswil anbetrifft, bleibt offen, ob sie auf die Kelten, die Römer oder die Alemannen zurückgeht. Vermutungen und Hypothesen gibt es zuhauf. Sie stützen sich ab auf prähistorische Überreste, auf Römerfunde und auf Flurnamen, die den Geschichtsforschern als einigermassen zuverlässige Wegweiser in die Vergangenheit dienen. In Giswil wurde ein alter Römerweg entdeckt, der vermutlich von Vindonissa über den Renggpass und den Brünig ins Wallis führte. Die Rengg (891 m ü. M.) war früher zu Land die einzige Verkehrsader zwischen Hergiswil und Alpnach beziehungsweise Obwalden und Luzern. Zwei bei Ausbaggerungsarbeiten am Acheregg gefundene Zinngegenstände, ein Reiter figürchen und ein Medaillon, sind wohl die ältesten Zeugen vergangener Zeiten auf Hergiswiler Boden. Sie stammen vermutlich von der Lopperburg, einer im frühen 13. Jahrhundert erbauten Grenzfeste zwischen dem Zürichgau, dem das innere Land, und dem Aaregau, dem das Gebiet bis Hergiswil zugehörte. Heute schlummern die Überreste der grossen Burganlage friedlich unter Gebüsch und Gras. Kaiser, König und Abt Hergiswil, der Name, geht vermutlich auf frühere Besitzverhältnisse zurück. Während im ersten Wortteil der Personenname Herigis enthalten ist, bedeutet die Endung «wil», «villa» oder «villare» – sie verrät keltoromanischen und frühalemannischen Einfluss – eine neue Heimstätte im neugerodeten und kultivierten Umland. So gehörte Hergiswil im 9. Jahrhundert den Herren Heriger und Wittowo, und es darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass Hergiswil und Hergiswald ihre Namen von diesem Heriger erhalten haben. Später dann, am 16. April 1291 – Hergiswil war inzwischen duch eine Stiftung des Frankenkönigs Pippin des Jüngern in den Besitz des Klosters Luzern, anschliessend unter die Botmässigkeit der Elsässer Abtei Murbach gelangt – erwarb Rudolf von Habsburg für 2000 Mark Silber die Grundherrschaft über das gesamte Untertanengebiet. Doch noch im gleichen Jahr starb Rudolf, und Hergiswil geriet unter die Fuchtel des gefürchteten Königs Albrecht. Das war just zur Zeit, als der Bundesbrief vom 1. August 1291 besiegelt wurde. Um sich gegen den kriegerischen König Albrecht zu schützen, erstellten die Unterwaldner auf dem Renggpass ob Hergiswil eine Letzimauer. Deren Überreste sind noch heute zu sehen. Ein Dorf kauft sich frei Noch zu Beginn des 14. Jahrhunderts gehörte Hergiswil mit Twing und Bann zum Hause Österreich-Habsburg und war dem Amte Rothenburg zugeteilt. Die Vogtei hatte 1355 als Wolhuser Lehen Ritter Ortolf von Littau inne. Dieser verkaufte sie mit hohen und niedern Gerichten an Ritter Heinrich von Moos, Landmann zu Uri. Nach dessen Tod übertrug Graf Ymer von Strassberg, Gemahl der Erbin von Wolhusen, die Vogtei an seine Tochter Cäcilia von Moos, Gemahlin des Obwaldner Landammanns Georg von Hunwil. Jetzt griffen die Hergiswiler, die sich der Herrschaftswechsel längst überdrüssig waren und sich nach Freiheit sehnten, zu: Sie verhandelten, machten der Erbin ein Angebot in der Höhe von 700 Gulden, um sich von der Vogtei loszukaufen – und Cäcilia von Moos willigte ein. Am 17. November 1378 wurde die Urkunde geschrieben und besiegelt. Später verbrannte das wertvolle Dokument, doch der Tag der erlangten Freiheit ist in die Geschichte des Lopperdorfes tief eingeritzt. Hergiswil schloss sich sofort nach dem Loskauf als elfte Uerte Nidwalden an. Zwischen 1389 und 1400 erhielt das Lopperdorf eine Vertretung im Rat und im Gericht. Der 1504 erstmals erwähnten Kapelle des heiligen Nikolaus wurde zwischen 1507 und 1533 eine eigene Seelsorge, und 1579 das Taufrecht zugesprochen.1608 dann, nach dem Bau eines neuen Gotteshauses, stieg Hergiswil, bisher der Mutterkirche Stans zugeordnet, in den Status einer eigenen Pfarrei auf. Leben in Freiheit Über Jahrhunderte hinweg blieb Hergiswil, unberührt vom Dreissigjährigen Krieg und der Reformation, ein kleines, zwischen See und Berge geklebtes «Nest». Eine Chronik über die damaligen Zeiten liegt nicht vor. Einzig die von Staatsarchivar Franz Niederberger zusammengetragene Dokumentation «Hergiswil im Spiegel des Staates» lässt uns einen Blick tun in das Leben und Treiben im Lopperdorf. Dieser «Spiegel» reflektiert vor allem die sich über Jahrhunderte hinziehenden Zänkereien zwischen den Fischern von Hergiswil und Stansstad. Im März 1591 «verordnen Räte und Landleute einen Zöllner für Hergiswil, der von den Waren, die über den Renggpass gehen, den Zoll zu beziehen hat». Im Februar 1612 «bestätigt das Geschworene Gericht, dass nur das in der Uerte überwinterte Vieh auf die Alpen-Allmeind getrieben werden könne, dass aber die Armen, die kein Vieh auftreiben, auch keine Steuern zu verrichten haben». Vom 6. Februar bis 5. März 1684 «war der See gefroren, und man fuhr mit Pferden und Vieh und schwer beladenen Schlitten nach Hergiswil und von da nach Luzern». Und schliesslich, als «Sittenbild» vergangener Tage, die Notiz: «Am 28. August 1747 wird Franz Xaver Blättler von Hergiswil vor das Malefizgericht gestellt, weil er 6mal zum ketzerischen Lehrer Jakob Schmidli gegangen ist um <etwas aus der Bibel> zu lesen». Alle Macht der Uerte Höchstes Gremium in der alten Dorfgemeinschaft war die Uerte; sie regelte alle öffentlichen Angelegenheiten. Ihre Instanzen waren der Uertevogt, der Uerterat und die Gemeindeversammlung. Schon bald bildete sich aus der Uerte heraus eine selbständige Kirchgemeinde mit Kirchmeier und Kirchenrat. Dem Kirchenrat war die Wahrung geistiger und kultureller Werte übertragen sowie die Befugnis, Ehebewilligungen zu erteilen. Mit der Einführung der Kantonsverfassung im Jahre 1850 wurde die «Macht» der Uerte um einiges geschmälert, doch mit ihren rund 1000 Hektaren Land sind die «Uertner», das heisst die Korporationsgemeinde, noch heute Hergiswils grösster Landbesitzer. Durch ihre angestammten Geschlechter Keiser, Blättler, Zibung und Bucher werden Allmeinden, Wälder und Alpen nach überlieferten Grundsätzen verwaltet und genutzt. Bekannteste Besitzungen der Korporation sind Alpgschwänd und Unterlauelen. In der Geschichte der alten Eidgenossenschaft hinterliessen Hergiswil und die Hergiswiler wenig Spuren. Immerhin stand der Renggpass zu dreien Malen im Brennpunkt kriegerischer Ereignisse: Am 15. November 1315, als Berner Truppen durch Eidgenossen, die vom Morgarten heimkehrten, abgewehrt wurden; am 31. August 1798, als die Franzosen den Vormarsch nach Alpnach sicherten; am 28. August 1802, als Hauptmann Jakob Odermatt eine Abteilung «Helvezler» besiegte und vertrieb. Neue Zeit, neuer Geist 1850 zählte Hergiswil 804 Einwohner. Es war die Zeit des gewerblichen und industriellen Aufbruchs im Dorf. Bereits 1818 hatte die Glasfabrik Siegwart ihren Betrieb aufgenommen, Brünigstrasse (1854 – 1858) und Brünigbahn (1887 – 1889) wurden gebaut, und auf dem See kursierten die ersten Dampfschiffe. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgten in Hergiswil nebst der bereits erwähnten Glasfabrik vier Ziegelhütten, eine Papierfabrik, eine Uhrenfabrik, zwei Bierbrauereien und eine Kalkfabrik für Arbeit und Verdienst. Parallel dazu begann der Fremdenverkehr den stillen Flecken zu beleben; das Gastgewerbe entwickelte sich, florierte. Hergiswil wurde zum beliebten, international frequentierten Ferienort, der das Dorf noch heute ist, auch wenn sich inzwischen die Strukturen des Tourismus grundlegend verändert haben. Verändert hat sich auch der Charakter des Ortes. Im Dorfbild beispielsweise sind die Spuren einer allzu schnellen Entwicklung, die nach dem 2. Weltkrieg eingesetzt hat, nicht zu übersehen. Da Charakter und Bild eines Dorfes vom Menschen geprägt werden, heisst es, der latenten Bedrohung duch Gleichgültigkeit und Egoismus mit einem wachen Bürgersinn entgegenzuwirken. Je schwerer durchschaubar die Zusammenhänge unseres gesellschaftlichen Lebens werden, desto mehr wird das demokratische Verständnis des Bürgers gefordert. Und weil sinnvolle Kommunalpolitik ohne Bevölkerung nicht möglich ist, ermuntern wir Neuzuzüger und Bewohner zur aktiven Mitarbeit und Mitgestaltung. Als demokratische Institutionen bieten sich im heutigen Hergiswil dazu vier Parteien, die Gemeindeversammlung und die Urne an. |